Listenbild_Text Gabi Rammer

"Permanent diese Präsenz zu haben, ist herausfordernd"

Elternbildnerin und Soziologin Gabi Rammer erklärt, warum Kinder für das gesunde Aufwachsen Grenzen brauchen. Und wie Eltern diese konsequent durchsetzen, ihren Nachwuchs dabei aber liebevoll und verständnisbereit begleiten.

Brauchen Kinder Grenzen?

Die Frage ist, ob man Grenze als etwas Natürliches ansieht oder als etwas Künstliches. Die natürlichen sind Grenzen, die sie am Leben und gesund erhalten. Diese Grenzen brauchen Kinder, sonst würden sie nicht gesund aufwachsen können. Das Grenzen setzen von Eltern hat idealerweise auch mit etwas Natürlichem zu tun und nicht mit dem Erpressen und Bestrafen. Das wiederum nicht zu einem gesunden Aufwachsen führt.


Als Beispiel fällt mir eine Situation ein, wo das Kind ohne Sonnenhut in der Sandkiste sitzt und diesen partout nicht aufsetzen will. Was schlagen Sie vor?

Das ist nicht immer so einfach, weil Kinder oft nicht empfänglich sind für logische Erklärungen. Gerade auch in dem Alter, wo es um diesen Sonnenhut geht. Eltern versuchen ihnen oft über logische Erklärungen etwas beizubringen. In diesem Alter können wir ein Kind nicht über Logik und Intellekt zu etwas bewegen. Da braucht es viel mehr Bereitschaft für eine andere Art von Kommunikation. Es ist, wie in den allermeisten Fällen, eine Frage, ob ich mit dem Kind in Verbindung gehe. Schaffe ich das und erreiche gemeinsam mit dem Kind eine gute Lösung oder möchte ich meine Macht demonstrieren? Im Fall der Sandkiste wird es nicht anders gehen, als dem Kind zu verstehen zu geben, dass es Konsequenzen hat, wenn es den Hut nicht aufsetzt. Dann ist es nicht möglich, in der Sonne zu bleiben. Da brauche ich nicht viel reden, das ist ein Satz. Kinder spüren, ob Eltern willkürlich Grenzen setzen oder ob es eine innere Gewissheit gibt, dass es wirklich um das Wohl des Kindes geht. Dann ist es auch wichtig, das durchzuziehen.


In diesem Moment auf Kosten der Harmonie ...

Wenn Kinder Grenzen erleben, mit denen sie nicht einverstanden sind, dann ist das natürlich eine Unterbrechung von einer Verbindung. Die natürliche Reaktion ist dann, dass sie beleidigt, trotzig sind und auf die Eltern „spinnen“. Die Eltern haben in dieser Situation mit offenem Herzen dabeizubleiben und auch Verständnis dafür zu haben, dass das Kind nicht einverstanden ist. Diese liebevolle Präsenz ermöglicht es ihnen, wieder mit dem Kind in Verbindung zu treten. Das heißt nicht, dass wir einen Konflikt vermeiden oder dass Kinder nicht auch mit Frust umzugehen haben. Davor können Eltern Kinder nicht bewahren. Aber sie können sie begleiten, dann lernt ein Kind gesund mit dem Gefühl umzugehen, das gerade da ist. Das scheint manchmal recht schwierig, aber dieses Verständnis zu haben, das ist eine ganz wichtige Fähigkeit, die sie als Eltern brauchen, egal in welcher Befindlichkeit sie sich selbst gerade befinden.


Fordert das nicht große Reflexionsbereitschaft?

In meinen Elternkursen gibt es keine Rezepte wie Grenzen setzen geht. Ich bemühe mich immer, Eltern eine Tür zu öffnen, die ganz stark mit Reflexion zu tun hat. Warum setze ich überhaupt eine Grenze? Was ist mir wirklich wichtig? Dass das einmal überprüft wird. Mir ist wichtig, dass Eltern sich sehr gut selber spüren, eigene Bedürfnisse wahrnehmen können. Das ist die beste Voraussetzung um mit dem Kind umgehen zu können und seine Bedürfnisse wahr- und annehmen zu können. Und idealerweise haben wir eine Haltung, die lautet: wir brauchen eine Lösung, damit ich als Elternteil zufrieden bin und das Kind auch zufrieden ist. Vielleicht nicht in dem Moment, in dem es in einer emotionalen Phase ist und mit Frust umgehen muss. Aber auf längere Sicht ist das der wichtigste Bestandteil in einer Familie. Wenn die Kinder älter sind, dann hat Grenzen setzen auch mit Reden und Diskutieren zu tun. Es ist ganz wichtig, dass Kinder die Erfahrung machen, dass Eltern gesprächsbereit sind. Sonst hat das Kind das Gefühl, dass es permanent mit Zwang und harter Grenze konfrontiert ist.


Was passiert psychologisch gesehen, wenn man einem Kind keine Grenzen setzt?

Ich kenne Menschen, die das erlebt haben, und da kann etwas fehlen. Diese Kinder können sich oft nicht orientieren. Was möchte die Mama, was ist dem Papa wichtig, was den Großeltern? Das hilft dem Kind ja auch sich selber zu positionieren. In der Pubertät ist das ein ganz wichtiger Bestandteil, dass Kinder sich orientieren können am anderen, weil es oft auch darum geht, Gegenposition beziehen zu können und eine große Bandbreite an Erfahrungen zu sammeln. Es braucht ein gesundes Maß beim Grenzen setzen. Aber eben mit diesem reflektierten und liebevollen Hintergrund. Das ist ganz schön herausfordernd, permanent diese Präsenz zu haben.

Gabi Rammer ist Soziologin und Trainerin in Ottensheim. In ihren Elternkursen versucht sie neue Blickwinkel und Herangehensweisen zu vermitteln, um aus Familiendramen und unbefriedigenden Situationen herauszukommen und in selbstbestimmter Weise das Familienleben zu gestalten.





Interview: Inez Ardelt/Die Schreiberin.at

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