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"Kinder in ihrer Entwicklung stark machen"

Suchtprävention beginnt bereits im Kindergartenalter! Eltern-Coach und Psychologin Julia Reisenbichler zeigt auf, welche "Süchte" bereits in jungen Jahren Thema werden können und wie Eltern ihre Kinder stärken können.

Suchtprävention ist ein gewichtiges Thema. In welchem Alter ist das für Kinder bereits relevant?

Ich bin der Meinung, dass die Kinder bereits in der frühen Kindheit in der Entwicklung einer starken Persönlichkeit unterstützt werden sollten. Dadurch werden auch Schutzfaktoren gegen eine Suchterkrankung entwickelt. Die Grundfesten dafür sollten in der Familie gelegt werden, also die Förderung der Resilienz. Darunter versteht man, dass Kinder lernen, mit Problemen umzugehen, indem sie auf ihre inneren Ressourcen und positiven Eigenschaften zurückgreifen. 


Bleiben wir noch kurz bei der Sucht. Welche „Süchte“ umfasst der Begriff Suchtprävention eigentlich? Denn mit „harten Drogen“, könnte argumentiert werden, haben Kindergartenkinder beispielsweise ja noch gar nichts am Hut...

Suchtprävention ist der Überbegriff und bezieht sich auf alle Süchte! Zum einen zählen dazu stoffabhängige Süchte, zum Beispiel die illegalen Drogen wie Cannabis oder auch „legale“ Drogen, Nikotin oder Alkohol. Zum anderen gibt es auch stoffunabhängige Süchte, sogenannte Verhaltenssüchte, dazu zählen Internetsucht, Spielsucht oder Kaufsucht. Warum es gerade so wichtig ist, mit Suchtprävention bereits in der frühen Kindheit zu beginnen, ist die so genannte Primärprävention. Diese richtet sich an alle Kinder um möglichst dauerhaft die psychische Gesundheit zu erhalten.


Sind Suchtprobleme bei Kindern heute häufiger als noch vor zehn Jahren?

Das Bewusstsein und die Sensibilität zum Thema Sucht sind gestiegen und der Fokus wird auf die Prävention gelegt. Das finde ich sehr wichtig. Sehr bedenklich stimmt mich, was Reinhard Haller in seinem Buch „Nie mehr süchtig sein“ (2017, ecowin), festhält: Dass 20 % der Einjährigen und 90 % der Dreijährigen regelmäßig vor dem Fernseher sitzen. Darin sehe ich ein ganz großes Problem. Die „elektronische Tagesmutter“ dominiert sehr viele Erziehungsalltage. Gerade in Hinblick auf die neuen Medien und deren Konsum empfehle ich fix geregelte altersadäquate Zeiten, sowie medienfreie Tage um der ständigen Verfügbarkeit entgegenzuwirken. Alle Erwachsenen sollten sich auch ganz besonders ihrer Vorbildwirkung bewusst sein. Dazu zitiere ich gerne Karl Valentin, der sagte: „Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“ Die Eltern haben die elementarste Bedeutung für das spätere psychische Wohlbefinden des Kindes, unter anderem auch indem sie es vor dem Druck bewahren, den die Gesellschaft aufbaut und ihm behilflich sind, mit Herausforderungen umgehen zu lernen. Den Schlüssel für ein ganzheitliches Wohlbefinden und psychische Stabilität sehe ich in der gemeinsamen stressfreien Beziehungszeit, wo Raum für Gespräche, zum Teilen von Gefühlen entsteht und authentische Kontakte stattfinden. Diese Aspekte reduzieren meiner Meinung nach die Risiken eine Sucht zu entwickeln um ein Vielfaches. Daher gilt es, den Fokus auf qualitative reale Beziehungszeit zurichten.


Welche Rolle spielen Selbstwert und Selbstbewusstsein?

Ein gesunder Selbstwert spielt wohl die zentralste Rolle. Ich spreche auch gerne von einer „Ich-Stärke“, um auch „Nein“ sagen zu können.


Wie gelingt es „Nein“ zu sagen und das Ich zu stärken?

Ein guter Selbstwert und damit verbunden auch die Fähigkeit zu sich und seiner Meinung zu stehen entwickelt sich zum einen durch das Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten und Stärken. Ebenso durch erhaltenes Lob, Anerkennung und stetig positive Rückmeldungen, selbst für Bemühungen, nicht nur für Ergebnisse.


Wie können Eltern dabei unterstützen? Gibt es konkrete Tipps?

Um die Abhängigkeitsrisiken zu minimieren, braucht es für die Kinder das Gefühl der psychische Sicherheit von ihren Bezugspersonen im Sinne „ich liebe dich so, wie du bist.“ Außerdem sind die Förderung von Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit essenziell. Dazu zählt die Botschaft „Ich glaube an dich!“. Wichtig ist auch, dass ein Raum zum Zeigen von Gefühlen und Bedürfnissen gegeben ist. Im Erziehungsalltag sind für die Kinder klare Regeln und Vereinbarungen zur Orientierung unerlässlich, dadurch entsteht für das Kind wiederum Sicherheit.


Was erfährt Ihr Publikum in Ihrem Vortrag „meine Gefühle und ich: Wie kann ich mein Kind stärken, im Sinne von früher Suchtprävention“?

In meinem Vortrag möchte ich die Teilnehmenden inspirieren, informieren und bei Schwierigkeiten ermutigen. Ich will dazu beitragen, dass das Phänomen „Sucht“ besser verstanden wird und Möglichkeiten aufzeigen, wie wir die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen und „stark machen“ können. Dazu gibt es neben theoretischen Informationen auch viele praktische Inputs für den Erziehungsalltag.

Julia Reisenbichler ist Psychologin und Eltern-Coach.

Sie hält für die Kinderfreunde regelmäßig Elternbildungsseminare.

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