Hangman

Todesstrafe für die Vergewaltiger?

Fast täglich erreichen uns derzeit neue Meldungen von Gruppenvergewaltigungen in Indien. Wie soll mit den grausamen Taten umgegangen werden?

Ein Diskussionsbeitrag.

Gerechte Strafe?

Kastration, Schnellverfahren ohne Verteidigung oder gleich eine öffentliche Hinrichtung? Das sind momentan die Ideen, die Menschen in den Kopf kommen, wenn es darum geht, eine „gerechte Strafe“ für die sechs Männer zu finden, die den grausamen Tod einer 23jährigen Studentin in Indien zu verschulden haben. Die junge Frau war mit ihrem Freund am Heimweg vom Kino, als sie im Bus von der Gruppe Männer vergewaltigt, gefoltert und halb tot auf den Straßenrand geworfen wurde. Sie überlebte ein paar Tage im Krankenhaus, wo laut Medienberichten ein Team aus verschiedensten Ärzt/inn/en trotz ihrer langjährigen Erfahrung schockiert waren über das Ausmaß der Zurichtung des Körpers der jungen Frau. Massenproteste der Bevölkerung – vor allem Massen von Frauen – waren die Bilder, die in den kommenden Tagen rund um die Welt gingen. Frauen gingen auf die Straße, um wütend mehr Sicherheit für sich selbst, ihre Töchter und Schwestern zu fordern. Auch viele Männer waren auf den Bildern der Demonstrationen zu sehen. Jetzt verlangen Massen von Leuten auf der ganzen Welt den Tod der Täter. Auf Plakaten und Schildern stehen Forderungen wie: „Tötet sie, zerteilt sie in drei Stücke, öffentlich!“ oder auch einfach „Hängt sie!“.

Wäre das eine Lösung für die Situation von Frauen in Indien?

In Indien steht die Diskriminierung von Frauen, wie in beinahe jedem Land der Erde, auf der Tagesordnung. Frauen werden als wenig wertvolle Gruppe angesehen, sie kosten den Eltern Mitgift wenn sie heiraten wollen und daher werden viele Mädchen ungeboren getötet. Vergewaltigung in der Ehe ist in Indien nicht strafbar – in Österreich wurde ein entsprechendes Gesetzt übrigens erst 1989 eingeführt, in der Schweiz 1993 und in Deutschland erst 1996. Auch in Österreich wird jede fünfte Frau einmal im Leben Opfer von sexueller Gewalt im sozialen Umfeld (Familie, Verwandtschaft, Bekannte). Aus Indien werden nun momentan beinahe täglich neue Fälle von Gruppenvergewaltigungen und dem Versagen der Polizei bekannt – mehr noch, in vielen Fällen reagiert die Polizei gar nicht, rät den Opfern sogar, die Täter zu heiraten, behauptet, die Frauen wären selbst Schuld oder blamiert sie in der Öffentlichkeit. Diese Zustände sind es, die verdeutlichen, dass ein prozessloses Verurteilen oder eine prozesslose Bestrafung der Täter außer der „Befriedigung“ der Rachegefühle (kann es das überhaupt geben?) nichts an der Gesellschaft ändern würde. Die Chance, dass durch einen Prozess, durch die begleitende Mediendebatte und öffentliche Diskussionen viel mehr Menschen sich mit dem Thema beschäftigen müssten, sollte nicht vergessen werden.

Haben die Täter einen fairen Prozess überhaupt verdient?

Es geht bei Prozessen nicht nur rein darum, tatsächlich das richtige Strafausmaß für Täter/innen zu finden. Wie für so eine Tat eine richtige Bestrafung aussehen kann, bleibt für uns ohnehin unvorstellbar. Es geht aber auch darum, dass durch den Prozess eine Bewusstmachung in der Bevölkerung stattfinden kann. Tatvorgänge müssen rekonstruiert werden, neue Fragen stellen sich: Hätte zum Beispiel im genannten Fall nicht vielleicht ein Passant oder eine Passantin Hilfe holen können und hat lieber weggesehen, um selbst keine Probleme zu bekommen? Wurde sofort die Rettung geholt und von wem? Haben die Ärzte/Ärztinnen tatsächlich schnell genug gehandelt oder vielleicht gezögert, weil es sich ja nur um eine Frau gehandelt hatte? War die junge Frau das erste Opfer der Täter oder gibt es noch mehr Betroffene? Was tut der Staat Indien für die Gleichberechtigung der Frauen? Wie reagiert der Staat auf Beschwerden gegen untätige Polizisten? Gibt es Frauenhäuser, in die Frauen flüchten können, wenn sie von Gewalt zu Hause betroffen sind? Es zeigt sich also, dass der Prozess die Chance bieten würde, grundsätzliche Fragen aufzuwerfen, die jetzt groß im Raum stehen sollten!

Und jetzt?

Ein Redakteur der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ (Heinrich Wefing, Ausgabe 10. Jänner 2013, Seite 1) schließt einen Kommentar zum Thema so:

„Wie einfach wäre es …, die Männer schnell hinzurichten. Werden die Verurteilten umgehend gehenkt, werden sie zu Monstern stilisiert, statt sie als besonders grausame Repräsentanten eines grausamen Systems zu entlarven. Dann hätten alle verloren: die verstorbene Studentin. Die indische Justiz. Und die Frauen des Subkontinents.“

Wir fordern, dass jeder Staat hohe Priorität darin sieht, die Sicherheit von Frauen zu gewährleisten. Vergehen wie Belästigung, Nötigung, Diskriminierung oder Vergewaltigungen müssen von Staatsseite an den Wurzeln bekämpft werden. Schon Kinder müssen lernen, dass Frauen und Männer gleichwertig sind, dass jeder Mensch ein Anrecht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper hat und jedes Kind Recht auf Schutz hat! Die Thematisierung von Gewalt gegen Frauen darf nicht nur dann aufkommen, wenn uns so unfassbare Gewalttaten aufrütteln.

Kristina Botka

Eure Kommentare an: rote.falken@kinderfreunde.cc

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