Vortragender mit Gruppe

Leuchtturmprojekt Kinderrepublik und Orte der Freiheit

Leuchtturm Juli: Kinderrepublik und Orte der Freiheit

1) Projektbeschreibung:

Feriencamps gibt es viele. Das pädagogische Konzept der Kinderrepublik ist jedoch einmal. 1919 wurde dieses Konzept von Otto Felix Kanitz zum ersten Mal in Gmünd umgesetzt. Seit der Gründung der Roten Falken im Jahr 1925 ist dies eines ihrer Steckenpferde. Mit der Eröffnung des Falkencamps in Döbriach 1949 hat die Kinderrepublik auch eine neue Heimat gefunden, wo sie bis heute jedes Jahr im Sommer ausgerufen wird. Mitbestimmung heißt Mitgestalten. Es genügt nicht, Kindern ihre Programmwünsche zu erfüllen, sondern die Kinder werden in alle Entscheidungen und auch Umsetzung eingebunden. Wahlen legitimieren die Vertreter der Kinder und jede Entscheidung muss im Parlament Zustimmung finden. Es geht auch einiges an Zeit für „Bürokratie“ drauf, trotzdem oder gerade deshalb sind die Kinder immer total begeistert und bei der Sache.

2) Wer sind die Menschen hinter dem Projekt?

Historisch:

Otto Felix Kanitz wurde 1894 in Wien geboren. Bereits 1911 engagierte Kanitz sich als Wahlkämpfer für den Sozialdemokraten Max Winter, ab 1912 sprach er vor Jugendgruppen. 1916 zum Landsturmdienst mit der Waffe einberufen, war er daneben auch bei den Kinderfreunden tätig, zu denen er wohl durch Hermine Weinreb kam.  Nach der Matura, 1918, wurde er als pädagogischer Referent bei den Kinderfreunden eingestellt und begann ein Studium in Philosophie und Pädagogik. Als sein Mentor ist neben Hermine Weinreb, die ihn ihren geistigen Sohn nannte, auch Anton Afritsch besonders hervorzuheben. 1919 wurde dem 25-Jährigen die Leitung der ersten großen Ferienkolonie der österreichischen Kinderfreunde anvertraut: Im aufgelassenen Flüchtlingslager Gmünd waren in zwei Turnussen jeweils 700 Kinder zu betreuen. Kanitz führte diese beiden Lager als erste österreichische Kinderrepubliken, in denen durch demokratisch gewählte Vertrauensleute und die Vollversammlung Probleme des Zusammenlebens diskutiert wurden und Mitbestimmung möglich war. Die Kinderrepublik-Pädagogik entwickelte sich neben in Österreich weniger vor allem später in der deutschen Falken-Bewegung.

Der Erfolg des jungen Mannes in Gmünd veranlasste die Verantwortlichen, ihm die Leitung der Schönbrunner Erzieherschule zu übertragen. Unter enormem Zeitdruck mussten gemäß amtlichem Bescheid die den Kinderfreunden im Schloss Schönbrunn zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten binnen dreier Tage bezogen werden. Kanitz reiste daher in einer Blitzaktion mit 100 Kindern aus dem Ferienlager Gmünd an. Von 1932 bis 1934 war Mitglied des Bundesrates, der zweiten Kammer des Parlaments, die auch nach der Ausschaltung des Nationalrats durch Dollfuß im März 1933 funktionsfähig blieb. Im November 1938 wurde er als Jude und Mitglied der Revolutionären Sozialisten von der Gestapo verhaftet und in das KZ Buchenwald eingeliefert, wo er am 29. März 1940 starb.

Aktuell:

Das Bundesteam der Roten Faken wird zurzeit von Bundesfalken Heli Gotthartsleitner und Bundessekretärin Bettina Schinninger angeführt. Nach der vorübergehenden Schließung des Falkencamps Döbriach in den Nullerjahren des neuen Jahrtausends wurde 2008 erstmals wieder in Kinderrepublik in Döbriach ausgerufen. Seit dem wird jedes Jahr an weiteren Verbesserungen des Konzeptes gearbeitet. Umgesetzt und erarbeitet wird die Kinderrepublik vom pädagogischen Team der Roten Falken.

3) Wir verändern die Welt!

Viele Kinder, aber auch Erwachsene können mit dem Begriff „Freiheit“ nicht wirklich viel anfangen. „Unfrei“ zu sein, bedeutet nicht unbedingt eingesperrt zu sein oder sich nicht bewegen zu dürfen, wohin man möchte. Vielmehr geht es um die Freiheit, das tun zu können, was man möchte. Das bedeutet aber auch, dass man sich die Rahmenbedingungen dazu erarbeiten muss. Und genau das passiert in der Kinderrepublik. Natürlich werden manche Wünsche oder Anliegen der Kinder unerfüllt bleiben. Aber dann erkennen die Kinder, dass zumindest alles versucht wurde, das umzusetzen. Sie erkennen aber auch, dass ein individueller Wunsch nicht unbedingt jener der Gruppe sein muss. Und dass jedes Zusammenleben auch Übereinkünfte braucht, wie man dieses Leben gestalten soll. Die persönliche Freiheit endet dort, wo sie die eines anderen Menschen einschränkt. Die Kids erfahren, was man solidarisch alles erreichen kann, aber auch, dass man sich seine Rechte und Freiheiten erarbeiten muss und bedenken muss, wie jede Entscheidungen auf andere wirken.

4) Stolpersteine

Natürlich gibt es auch einige Erfahrungen deren größter Wert  es ist, diese gemacht zu haben um sie zukünftig zu vermeiden.

„Partizipationsillusion“: „Was wollt ihr heute machen? Schwimmen oder Fußballspielen?“ solche oder ähnliche Fragen an die Kindergruppe gestellt führen nicht zu mehr Demokratie, sondern dass sich die lauten Kinder durchsetzen.  Oft werden auch schon fertige Programme zur Auswahl angeboten, bei denen die Kinder keine Mitgestaltungsmöglichkeiten haben, bzw. den Kindern auch die wesentliche Erfahrung der Vorbereitung abgenommen wird.

 „Minderheiten fördern“: Wenn sich immer nur die Mehrheit durchsetzt, bleiben vielleicht Interessen auf der Strecke. Daher muss man „Minderheiten“ gezielt fördern und Angebote schaffen, die alle interessieren, bzw. klassische Rollenbilder aufbrechen.  Es ist daher auch wichtig, die in Abstimmungen „unterlegenen Vorschläge“ im Auge zu behalten.

Jedes Jahr ist ein neues Experiment. Man muss flexibel in der Planung sein und auch immer einen „Plan B“ im Hinterkopf haben.

5) Wie wirkt das Projekt  auf Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Aus „ich will“ wird ein „wir wollen“. Die Erkenntnis, dass man sich jede Freiheit erarbeiten muss und auch das Erfahren von Grenzen des Machbaren sind wichtige Elemente für die Entwicklung der Kinder. Aber auch die Erfahrung, was alles möglich ist, wenn die Problemlösung solidarisch angegangen wird.

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie realistisch die Wünsche und Anliegen der Kinder sind. Aber auch, welche Dinge sie stören und dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn Kinder regieren. Im Gegenteil: Manche Konflikte treten erst gar nicht auf. Oft sind es Kleinigkeiten, die verändert bzw. adaptiert werden müssen, um die Kinder zufrieden zu stellen. Da fällt niemanden ein Zacken aus der Krone und das Zusammenleben läuft harmonischer. Und es ist echt beeindruckend, welche Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden. Natürlich kommt der Spaß dann nicht zu kurz.

6) Nachhaltigkeit

Das Konzept der Partizipation wird in vielen Kinderfreunde bzw. Falken Gruppen angewandt. Aber nur jene, welche es selbst erlebt haben, wissen auch um die Fallen (Stichwort Pseudodemokratie). Das Konzept zieht sich nun schon seit fast 100 Jahren durch unsere Arbeit. So werden auch in Tirol, Salzburg oder in der Steiermark „Kinderstädte“ durchgeführt.  Die Ideen von Kanitz, Weinreb, Tesarek oder Löwenstein haben also Bestand und sind zum Erkennungsmerkmal unserer Pädagogik geworden. 

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