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Kindliche Ängste

Das Kind in seinen Ängsten zu sehen und mit Fragen dorthin zu begleiten, wo es selbst zu Lösungen kommt, regt Elternbildnerin Andrea Eder im Interview an.

Bis vor kurzem war das zu Bett gehen für den 4-jähri­gen Thomas kein Problem, auf einmal gibt es ein riesen Trara, er will unbedingt, dass seine Eltern bei ihm sind, bis er schläft. Er fürchtet sich vor Monstern. Wer hat da etwas falsch gemacht?

Andrea Eder: Niemand. Je nach Entwicklungsstand der Kinder treten verschiedene Themen in den Vordergrund. Hinter der Angst vor Monstern kann stehen, dass die Trennung von wichtigen Bezugspersonen das Kind beschäftigt. Zum Bei­spiel, wenn es um den Eintritt in Betreuungseinrichtungen geht und das Kind lernen muss, zeitlich begrenzt Abschied von Mama und Papa zu nehmen.

Das kann ein schmerzhafter Prozess sein.

Andrea Eder: In der Tat, und die Trennungs­angst kommt in Schüben. Es kann also sein, dass ein Kind mit zwei Jahren gar kein Pro­blem damit hat, im Alter von zweieinhalb Jahren aber gar nichts geht. Wichtig ist, dass sich das Tempo in Eingewöh­nungsphasen danach richtet, was das Kind gerade braucht. Und ich halte viel von „Über­gangsobjekten“, die dem Kind Halt geben. Ein Tuch, einen Mut-Stein oder ähnliches. Und Geschichten in Bilderbüchern zum Thema Angst, Trennung, etc. finde ich auch sehr hilf­reich.

Viele Eltern versuchen alles, kindlichen Ängsten keinen Raum zu geben, diesen mit al­len Kräften entgegenzuwirken. Wird so den Kindern nicht viel Leid erspart?

Andrea Eder: Es stimmt, dass Eltern es oft nur schwer aushalten, wenn sich ihre Kinder ängstigen, oder wenn sie an etwas scheitern. Ich bin überzeugt, dass Ängste durchlebt und überwunden wer­den müssen, damit sich die Kin­der weiterentwickeln können. Eltern sollten es als ihre Auf­gabe sehen, Rückhalt, Schutz und Sicherheit zu geben, damit Kinder ihre Probleme selber lösen können. Und Eltern soll­ten immer im Auge haben, dass eigene Ängste auf Kinder über­tragen werden können. Deshalb ist mir die Selbstreflexion in der Elternbildung so wichtig.

Zurück zu Thomas und seinen Eltern. Welche Möglichkeiten siehst du, damit die Monster in seinem Kinderzimmer keine Chance mehr haben?

Andrea Eder: Um die Angst vor der Dunkel­heit zurückzudrängen kann es helfen, den Sicherheitsfaktor am Tag zu erhöhen. Eine ge­regelte Alltagsstruktur und ein passendes Maß an Grenzen und Regeln zählen da sicher dazu. Und natürlich die bereits er­wähnten Übergangsobjekte.

Neben den entwicklungsbe­dingten Ängsten gibt es ja auch noch welche, die aus unserem Zusammenleben entstehen. Wel­che ist die häufigste und was sollten Eltern hier beachten?

Andrea Eder: Ich denke, dass Schulangst sehr präsent ist. Bei den Sozialängs­ten fallen mir spontan die Angst in der Gruppe und Schüchtern­heit ein. Eltern sollten sich die Frage stellen: Was mache ich, dass die Angst verstärkt wird, bzw. was kann ich tun, um mein Kind zu stärken. Und da spielt sich viel über die Kommunika­tion ab: die BegleiterInnen des Kindes - die Eltern, Großeltern, PädagogInnen - können dem Kind auch noch den letzten Mut nehmen. Oder sie sehen, verste­hen und begleiten mit Fragen. Dorthin, wo das Kind selbst zu Lösungen kommt. Und ich kann es an bisherige Erfolge erinnern, mit positiven Glau­benssätzen stärken. Grundsätz­lich empfehle ich, dass Eltern die Ängste ihrer Kinder ernst nehmen und sich – wenn nötig – auch Hilfe holen können und sollen.

Andrea Eder hat als Altenfachbetreue­rin, Tagesmutter, Spielgruppenleite­rin gearbeitet. 2005 begann die heute 47-Jährige ein Eltern-Kind-Zentrum auf­zubauen. Seit 2011 arbeitet die dreifache Mutter als Re­ferentin, ihr Spezialgebiet ist alles rund ums soziale Lernen, „Emotionale Intelligenz“ einer ihrer Schwerpunkte. www.andrea-eder.com

Buchtipp

"Wenn Anna Angst hat ..."

Von Heinz Janisch und Barbara Jung, ab 4 Jahren, 2002, Verlag Jungbrunnen, € 13,95

Anna hat manchmal Angst, wenn sie am Abend im Dunkeln im Bett liegt. Dann ruft sie ihre Freunde, die sie beschützen. Die Lebensfreude, die Farbenpracht, der Optimismus den dieses Buch versprüht, hält kindliche Ängste in Schach. Ausgezeichnet mit dem Österreichischen Kinder- und Ju­gendpreis.

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