Nedžad Mocevic_Workshop bei Aufbruch_Interkulturelle Kompetenz

Interkulturelle Kompetenz

Warum es für Menschen im pädagogischen Bereich immer wichtiger wird, sich mit interkultureller Kompetenz und Vielfalt zu beschäftigen, das beantwortet Diver­sity Trainer Nedžad Moćević im Gespräch mit Susanne Pollinger. Er ist überzeugt, dass sich „jeder Mensch nach Wertschätzung sehnt“.

Was versteht man unter interkultureller Kompetenz?

Nedžad Moćević: Die Fähigkeit, in einer komplex gewordenen Welt, wo man gerne mal alles über einen Kamm schert, differenzieren zu können und Zusammenhänge zu verstehen, gehört mittlerweile zu einer Schlüsselqualifi­kation – besonders im pädagogischen Bereich. Interkulturelle Kompetenz ist dementsprechend „die Fähigkeit, mit Angehörigen anderer Kulturen effektiv und angemessen zu interagieren“.

Wie geht es speziell Pädagoginnen und Pädagogen mit dem angemessenen Agieren mit Angehörigen anderer Kulturen?

Nedžad Moćević: Ich habe bemerkt, dass es eine Lücke gibt zwischen der Wissenschaftlichkeit und der Reali­tät, das heißt es gibt theoretische For­schung, aber eher weniger praxisorien­tierte Wissensvermittlung. Von den Leuten wird aber erwartet, dass sie up-to-date sind, dass sie fit sind für die Herausforderung, die Klassen mit Kindern aus verschiedenen Nationen mit sich bringen. Und gerade die Zusammensetzung der Lehrenden wird immer homogener, d.h. sie sind meist weiß, weiblich und gebürtig aus Österreich, während das Publikum immer heterogener, immer vielfältiger wird. Diese Vielfalt und die Frage nach dem Umgang werden aber oft unter den Tisch gekehrt und sind wenig sichtbar.

Es gibt viel Unausgesprochenes, viel Platz für Missverständnisse?

Nedžad Moćević: Ja, ganz bestimmt. Aber mir ist wichtig, dass beim Zusam­menkommen der Menschen auch Platz für‘s Stolpern, für‘s ins Fettnäpfchen treten sein darf. Man sollte sich gegen­seitig erlauben, was falsch zu machen, nur daraus kann man lernen.

Du hast mit den jungen Leuten, die unsere Feriencamps leiten, gearbeitet. Was macht es für einen Unterschied, ob sie mit dem Thema Interkulturalität umgehen können, oder nicht? Schließlich könnte man ja meinen es geht da ohnehin nur ums Verbringen einer schönen Ferienzeit.

Nedžad Moćević: Ich finde es sehr wichtig, dass man auch die Teamlei­terInnen in dieser Richtung schult und sensibilisiert. Schließlich sind sie jene, die für die Kinder identitätsstiftend wirken können, als Vorbilder. Sie sind meist nur wenig älter. Die Identifikati­on, wie sie zum Beispiel Konflikte lö­sen, wie sie miteinander umgehen, wie sie mit extremen Positionen, die Ju­gendliche gern austesten, umgehen. Das kann nachhaltig auf das Verhalten der Kinder wirken.

Bei deinen Workshops nimmt das The­ma „Werte“ breiten Raum ein. Warum?

Nedžad Moćević: Weil dabei den Leu­ten bewusst wird, dass die Frage der Werthaltung, d.h. was ist mir wichtig, wofür stehe ich, viel mit der eigenen Biografie und viel weniger mit der kul­turellen Prägung zu tun hat. Werte zu verhandeln und eine Hierarchie von Werten, wie Disziplin, Selbstvertrau­en oder Religion zu definieren ist ein Spiel, das oft von uns verlangt wird, aber unmöglich ist. Aber natürlich muss die Gesellschaft menschenrechtsbasier­te Wertesäulen aufstellen, die nicht ver­handelbar sind.

Zum Beispiel, welche wären das?

Nedžad Moćević: Die Gleichberechti­gung von Mann und Frau. Gerade ak­tuell zeigt sich, dass diese in Österreich theoretisch eine gemeinsame Basis hat, aber wurde das wirklich von allen – und da meine ich auch jene die hier geboren und aufgewachsen sind – verstanden und akzeptiert? Da kommen Zweifel auf, besonders dann, wenn ich sehe, wie eine bestimmte Partei plötzlich die Frauenrechte für sich entdeckt, um da­mit gegen „die Ausländer“ Stimmung zu machen.

Zurück zur interkulturellen Kompetenz. Was heißt es nun, wenn man die hat? Geht es dann im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz plötzlich viel harmonischer, reibungsloser zu?

Nedžad Moćević: Nein, es wäre ein Trugschluss, das zu glauben. Eher im Gegenteil. Wer sich auf den gleichwer­tigen Austausch mit Menschen ande­rer sozio-kulturellen Milieus einlässt, muss sich auf mehr Verhandlungen, Konflikte, auf einen Austausch der In­teressen einstellen. Wir werden uns von der Idee einer konfliktfreien, harmoni­schen Gesellschaft verabschieden müs­sen, schließlich profitieren ja besonders wir im Westen von der Globalisierung. Doch diese bringt mehr kulturelle Viel­falt mit sich. Und die bedingt einen In­teressensabgleich.

Was braucht es also für ein gutes Zusammenleben?

Nedžad Moćević: Für Integration braucht es Chancengerechtigkeit, zu­sätzlich sollten wir beachten, dass sich jeder Mensch nach Wertschätzung sehnt. Stellen wir also immer den in­dividuellen Menschen in den Mittel­punkt unserer Betrachtung und verab­schieden wir uns vom Schubladisieren in Herkunfts- oder Religionszugehö­rigkeit.

Zur Person:

Nedžad Moćević ist selbst­ständiger Projekt Manager und Diversity Trainer. Für die Kinderfreunde hat er im Rahmen von „Aufbruch“, dem päda­gogischen Festival der Kinderfreunde und bei der Schulung der Feriencamp- TeamleiterInnen einen Workshop zum Thema „Interkulturelle Kommunikati­on“ gehalten.

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